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WEINSZENE IN UNGARN

DIE AKTUELLE WEINSZENE IN UNGARN: "Über Weinmacher-Stars, chauvinistische Weintrinker, Schulklassen, die Kellereien besuchen und eine Friseurin, die dringend das Wein-Schmecken erlernen möchte" von Peter Meleghy.

 

DIE AKTUELLE WEINSZENE IN UNGARN
 

Die junge hübsche, immerzu lächelnde und plaudernde Friseurin, die im kleinen Budapester Frisiersalon meine Haare schneidet ist entzückt, als sie hört, dass ich an einem Weinbuch arbeite: „Ich möchte schon lange einen Kurs besuchen, bei dem man Weine verkosten lernt“, erzählt sie, und dann ohne anzuhalten:


„Ich habe da nämlich ein mittelgroßes Problem,


Peter Meleghy
Foto: Wolf Wichmann
 

 

 

dass ich oft von netten Herren zum Essen eingeladen werde, das ist noch in Ordnung, aber weil ich zu wenig von den Weinen verstehe, überlasse ich ihnen die Auswahl – ja und dann schmecken sie mir nicht“, endet sie traurig und holt tief Luft.


Ob in Deutschland eine Friseurin je an einen derartigen Kurs gedacht hat, ist schwer zu sagen. Zweifellos aber ist die junge hübsche Budapesterin eine (im Wortsinn) beredte Zeugin dafür, dass sich in Ungarn überdurchschnittlich viele Menschen für Wein
und Winzer interessieren.

 

So sind an den Wochenenden die Hotels und Pensionen in den Weinregionen ausgebucht. Die meisten Besucher sind gut gekleidete junge Leute zwischen 20 und 35 Jahren. Sie nehmen an Verkostungen mit Mahlzeiten teil, besichtigen die Keller und betrachten mit glänzenden Augen die Fässer und die Edelstahlbehälter in denen die Weine lagern.
Der unvoreingenommene Beobachter kommt bald dahinter, dass die glänzenden Augen nicht den eindrucksvollen modernen Stahltanks gelten, sondern dem Winzer. Der ist nämlich in Ungarn ein Star. Die Menschen kennen seinen Namen. Sie möchten ihn sehen. Und vor dem Abschied mit einem Händedruck haben sie einige Kartons Wein gekauft, mit denen sie daheim eine gute Figur machen wollen. Tatsächlich verkaufen ungarische Winzer etwa 20 Prozent ihrer Weine ab Keller. Das beschert ihnen ein ordentliches finanzielles Polster, so dass sie auch von den Großhändlern höhere Preise verlangen können. Dieses Polster, dazu die insgesamt vergleichsweise kleine Landesproduktion, und schließlich der hohe Eigenverbrauch sind die Gründe dafür, dass ungarische Spitzenweine im Ausland weitgehend unbekannt sind. Weil sie aber in Ungarn Kultstatus haben, ist ihr Wert entsprechend hoch. Es ist eben chic für Freunde eine Flasche von Attila Gere oder Tibor Gál zu öffnen. Aus diesem Grund „bezahlen die Ungarn ohne zu murren höhere Preise als die deutschen Gäste“, sagt einer der Weinstars, József Bock aus Villány. Dabei sind die wirklich guten ungarischen Weine mit 10 bis 35 Euro preiswert – natürlich nur im Vergleich mit ähnlichen Qualitäten aus Frankreich oder Italien.
Zur Marketingstrategie der bekannten Kellereien gehören außerdem die preiswerten Angebote schlichterer Weine in den heimischen Supermärkten – für umgerechnet etwa vier, fünf Euro. Denn die Markennamen der Top-Betriebe ziehen auch Käufer mit weniger Geld und Anspruch an.

Besonders interessant sind die Weinstars und ihre Erzeugnisse für die Reichen, Mächtigen und Eitlen. Die Direktoren der ungarischer Töchter von international tätigen Firmen konferieren in den Verkostungsräumen berühmter Kellereien. Die Sitzungen enden selbstredend mit Essen und Trinken. Die Weine dazu kommen aus den eigenen Tresoren, die nach Großeinkäufen bei eben diesem Winzer eingerichtet wurden. Doch zur Freude über das gute Geschäft gesellt sich Frust. Immer mehr erfolgreiche Weinmacher klagen über das Trinkverhalten von Banausen: „Die leeren eine Flasche nach der anderen, nur weil sie teuer sind und einen bekannten Namen tragen.“


Weniger wegen des Kultstatus’ als des allgemeinen Interesses besuchen ganze Schulklassen von Budapester Gymnasien die Winzerin Sára Matolcsy im nahen Etyek (siehe die entsprechende Kellerei). „Natürlich sagen erst einmal alle, sie mögen nur süße Weine“, berichtet sie. „Dann nehmen sie einen Schluck vom trockenen ‚Mädchentraube’ und sagen: ‚Es ist ja süß. Oder doch nicht? Schmeckt aber gut.’“


Zur illustren Weinszene Ungarns gehören auch die liebenswerten Besessenen. Beispielweise Gábor Gyöngyösi, Jahrgang 1950. Nach einer erfolgreichen Unternehmerkarriere entdeckte er seine echte Leidenschaft: Er absolvierte einen zweijährigen Sommelier-Lehrgang und besuchte dann das Technikum für Traubenanbau und Weinherstellung. Anschließend engagierte er einen namhaften Önologen, kaufte mit dessen Hilfe eine winzige Parzelle auf einer der besten Lagen der Region Tokaj mit 1000 Reben, dazu Kelterhaus und Keller. Seit 2005 füllt er jährlich etwa 737 nummerierte Flaschen edelsüßen Aszú (mit viel Frucht und verhältnismäßig wenig Restzucker) ab und verschenkt sie. Denn der gute Geschäftsmann und Kalkulator hat sich ausgerechnet, dass, selbst wenn er seine Spitzenweine zu Spitzenpreisen verkaufen würde, die Herstellungskosten immer noch mindestens doppelt so hoch wären wie der Erlös. Doch darum geht es nicht. Er ist glücklich.

Ein wichtiger Motor für Produktion, Qualitätsverbesserung, Imagepflege und Verkauf ist der jährlich erscheinende ungarische Weinführer Borkalauz, den das Ehepaar Gábor Rohály und Gabriella Mészáros herausgibt. Daneben erscheinen unzählige Fotobände über die Weinstars, die man in Buch- und Weinhandlungen bekommt. Im Borkalauz liest man kurze Berichte über die Weinregionen, nur Fachliches, Aktuelles über die Winzer und ihre Keller, und recht ausführliche Bewertungen der Weine. Um freilich im Weinführer besprochen zu werden, müssen die Winzer dem Ehepaar Rohály-Mészáros von jedem ihrer Weine sechs Flaschen schicken. Mit dem Inhalt dieser Flaschen werden die begehrten Wein-Schmecker-Kurse veranstaltet – gegen Gebührt, versteht sich. Dort lernen die Absolventen: Aha, das ist typisch für einen Chardonnay, das für einen Merlot und jenes für den und den Winzer; wie schmeckt man Körper, Aromen, Frucht und Düfte heraus und differenziert sie; und wie heißen die geläufigen Ausdrücke für diese Empfindungen. Dabei gewinnt nicht nur das Ehepaar Rohály-Mészáros. Denn gleichzeitig wächst die Zahl der Weinkenner, die ihrerseits das Interesse für Wein und Winzern verbreiten. Schließlich verfassen die Absolventen eines Fortgeschrittenen-Kurses die Bewertungen der Weine im Borkalauz. Eine geniale Idee, gut umgesetzt, die der gesamten Weinszene nützt.

 

Das Nachsehen haben nur die Freunde guten ungarischen Weines im Ausland. Denn die meisten Winzer haben schon im Herbst nichts mehr zu verkaufen. Und wenn ungarische Weinmacher – meist gemeinsam aus einer Region – einmal im Jahr in einer europäischen Großstadt ihre Erzeugnisse präsentieren, hat das einen besonderen Grund:
Nach der politischen Wende kamen nicht nur die großen Weinproduzenten ins Land. Auch Spar, Schlecker, Metro, Cora (aus Frankreich), C & A, Max Bahr, außerdem VW und Audi, sowie viele international tätige Banken der Welt ließen sich nieder. Sie investierten und machen bis heute gute Geschäfte. Die Ungarn waren und sind zwar aufgeschlossen für alles Westliche – wie alle Völker des ehemaligen Ostblocks. Doch etwa um die Jahrtausendwende war das Wehklagen der ungarischen Bauern nicht mehr zu überhören, die ihre Erzeugnisse im eigenen Land nicht absetzen konnten. Dafür verkauft Spar in Ungarn bis heute ausschließlich französische Milch. So keimte in vielen Menschen das Gefühl, ihr Land sei lediglich als Absatzmarkt, sie selbst als Konsumenten und billige Arbeitskräfte missbraucht worden. Gleichzeitig erwachte der kollektive Wunsch nach etwas Hervorragendem, Eigenem. Und so entdeckte man unter anderem den ungarische Wein. Den möchten die Winzer im Ausland mit berechtigtem Stolz präsentieren.

 

[mit freundlicher Genehmigung von Peter Meleghy]

 

Auf seiner Website - als einem der besten Ungarnkenner - können Sie sich vielfältig und aktuell informieren: Ungarn Aktuell


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Die Fotos wurden uns mit freundlicher Genehmigung von Peter Meleghy zur Verfügung gestellt.