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Budapester Rundschau
Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky

Körbe-Verkaufsstelle auf der Strecke zur Grenze nach Österreich

Körbe-Verkaufsstelle auf der Strecke zur Grenze nach Österreich

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Foto: Eigen

 

Also nein, diese Ungarn!

 

 

"Sie sprechen Deutsch?
Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky / Glossen zweier ungarischer Journalisten aus "Budapester Rundschau" seit 1971


Auf diese Frage werden viele Ungarn mit ja antworten, denn allein schon die Tatsache, daß sie den Sinn erfaßt haben, scheint ja Beweis genug.
Doch sollen sie dann Rede und Antwort stehen, geht`s meist nicht mehr weiter, und bald merkt der deutschsprechende Partner, wie schwer es einem Ungarn fällt, wirklich deutsch zu sprechen. Abgesehen davon, daß die Artikel der, die, das einem Ungarn so fremd sind wie die drei Geschlechter an sich - weil es im Ungarischen nämlich nur ein einziges Geschlecht für alle Substantive gibt -, ist alles, was er von der deutschen Sprache gelernt hat, plötzlich im Eimer, falls jemand so deutsch mit ihm spricht, wie ich es in einem der großen Hotels am Balaton hörte, wo sich folgender Dialog zwischen einer Dame mit Berli-
ner Akzent und einem ungarischen Kellner entspann.

Dame (zeigt mit dem Finger auf jene Stelle in der auch auf deutsch abgefassten Speisekarte, wo auch "borjúláb" mit Kalbsstelze wiedergegeben war): "Bitte bringen Sie mir das hier!"
Ober (verneigt sich höflich):
"Diese Kalbsstelze ist nicht mehr."
Dame (zu ihm aufblickend): "Ist alle?"
Ober (in seinem Schuldeutsch nach der Bedeutung des Wörtchens
"alle" kramend): "Nicht alle."
Dame: "Nicht alle? Dann bringen Sie mir eine Portion".
Ober (merkt, daß er falsch verstanden wurde und wiederholt):
"Dieser Kalbsstelze ist nicht mehr."
Dame: "Also doch alle!"
Ober: "Alle Kalbsstelze ist nicht mehr".
Dame: "Alle sind alle?" Ober: "Nein"!
Dame: "Dann gibst also noch welche!"
Ober: "Nein."
Dame: "Also doch alle........."

Hätte ich mich nicht vermittelnd eingeschaltet, so hätten sich beide um alles in der Welt nicht über die Bedeutung von "alles ist alle" verständigen können.

Hier zeigt es sich eben, in welchem Vorteil man ist, wenn man Deutsch nicht in der Schule, sondern in der Praxis des Alltags gelernt hat. Da wurde zum Beispiel, wie eine Anekdote berichtet, einem deutschen Jagdfreund, der nach Ungarn gekommen war, um hier auf die Pirsch zu gehen, ein ungarischer Revierförster zugeteilt mit der Bemerkung: Der Mann spricht perfekt Deutsch, er hat noch in der k. u. k. Armee gedient (in der kaiserlich-königlichen Armee Ungarns war Deutsch Amts- und Befehlssprache). Der Gast traf sich zum ersten Mal mit seinem ungarischen Begleiter am Abend vor der Jagd im Forsthaus und unterhielt sich ganz ausgezeichnet mit ihm, denn zu all seinen Jagderlebnissen steuerte der ungarische Förster ein lautes
"Jawohl" bei.

Am anderen Tag auf der Pirsch sprach der Revierförster als er einen Rehbock im Gehege entdeckte, den ersten deutschen Satz: "Achtung! Stillgestanden!" Der Jäger bleibt erstaunt stehen. Sein Begleiter kommandierte weiter:
"Augen rechts! Legt an! Feuer!"
Der Rehbock war getroffen.
"Vorwärts! Marsch, marsch!"

Und als der Jäger stolz und stramm vor dem Wild stand, dass er nach den Anweisungen des ungarischen Revierförsters erlegt hatte, sagte dieser mit viel weniger Schärfe, ja fast Rührung in der Stimme: "Rührt euch!"

 

Siegfried Brachfeld.

Weitere Ungarn-Glossen von Siegfried Brachfeld unter dem Titel: "Warum ist die Krone schief?" sind beim PESTER LLOYD-Verlag erhältlich.


 

www.pesterlloyd.net/Verlag/Bucher/bucher.html

Die Veröffentlichung der Auszüge erfolgt mir freundlicher Genehmigung des Pesterlloyd, Budapest.