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Budapester Rundschau

 

Die Kirche in Fót in Ungarn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kirche in Fót in Ungarn
erbaut 1845–1855 im neuromanischen Stil nach Plänen von Miklós Ybl
Zum Vergrößern bitte anklicken!
Foto: Vörösváry Pál / Ungarn

 

Ungarn ist die Heimat der Maschinen, der Kaffeemaschinen.

 

 

 

Also nein, diese Ungarn!
Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky
Glossen zweier ungarischer Journalisten aus
"Budapester Rundschau" seit 1971

Ungarn ist die Heimat der Maschinen, der Kaffeemaschinen.

Jedem Ausländer muß es auffallen, auch wenn er nur auf der Durchreise ist, wie versessen die Ungarn darauf sind, sich mit extra starkem Mokka zu vergiften.

Noch in den dreißiger und vierziger Jahren unseres Jahrhunderts wurde Mokka nur in wohlhabenden Familien genossen, nach der Mahlzeit, nach dem Dessert. Die schwarze Brühe ist aber sowohl sprichwörtlich ("Die schwarze Brühe steht noch aus") und heißt soviel wie: das dicke Ende kommt noch nach, als auch historisch zu sehen, alldieweil sie zur Türkenzeit immer erst am Ende einer Unterredung - verbunden mit den härtesten Forderungen der Osmanen - serviert wurde.Das aber war, wie bekannt, lange, lange vor der Zeit der vierziger Jahre.


Seither ist nämlich im Gebrauch dieses Aufputschmittels eine demokratische Erneuerung eingetreten - inzwischen wird er auch von einfachen Leuten genossen, ausgenommen vielleicht manchen Familien auf dem Lande, die sehr streng auf Sitte und Tradition achten. Doch die Zurückhaltung diesem Gebräu gegenüber ist allerorten im Schwinden begriffen.Der "Schwarze", der Mokka doppelt so stark, wird auf dem Dorfe gebrüht.
Bevor die Bäuerin zum Melken in den Stall geht, dopt sie sich mit einem "Schwarzen".

Das Kaffetrinken hat in Ungarn, vielleicht auch wegen der historischen Überlieferung, eine tiefere gesellschaftliche Bedeutung.
Die Ungarn konnten nämlich alle größeren historischen Erschütterungen - und im Laufe ihrer Geschichte waren das nicht wenig - nur überdauern, wenn sie sich einen Mokka nach dem anderen brauten und in einen angenehmen euphorischen Zustand versetzten.

Bei so manchem starken Mokka im Kaffehaus entstanden auch Gedichte, Erzählungen und Romane und die noch stärkeren Kritiken darauf. Journalisten trinken Mokka, am laufenden Band, um ihre Gedanken klar formulieren zu können, und nicht anders halten es die Leser, wenn sie diese Gedanken verstehen wollen.

Einem Ausländer, der Ungarn als gerngesehener Gast von Familie zu Familie weitergereicht wird, mag sein Aufenthalt als ein Nonstop-Kaffeetrinken erscheinen, und er dürfte kaum in der Lage sein, all die feinen Nuancen, in denen sich die einzelnen Kategorien des Kaffeetrinkens unterscheiden, wahrzunehmen.

Ich kann hier nicht alle aufzählen, will aber einige zu mindest erwähnen: Mokka am Morgen.
Einer der intimsten Augenblicke, wenn sich der Magyare aus dem Bett hochrappelt, noch völlig verschlafen die Bestandteile der Kaffeemaschine zusammenklaubt und sich den ersten "Schwarzen" braut. Auf wissenschaftliche Untersuchungen stützt sich die Ansicht, daß er erst nach diesem Kaffee richtig wach wird, den er noch im Zustand des Halbschlafs zubereitet hat.

Erster Mokka am Arbeitsplatz.
Damit beginnt in Ungarn defacto der Arbeitstag. Haben die Angestellten in Beämtern und Büros ihren ersten Mokka noch nicht geschlürft, ist es unter Umständen mit Lebensgefahr verbunden, sie in geschäftlichen Angelegenheiten anzusprechen oder sie gar um eine Information zu bitten!

Protokollarischer Mokka.
Was eine halbwegs begabte Sekretärin sein will versteht sich aufs Kaffeekochen genauso gut wie aufs Tippen und auf Steno, wobei Tippen und Steno nicht unbedingt erforderlich sind; die Kunst des Kaffeekochens zu beherrschen jedoch ist unerläßlich, weil der Chef all seinen Gästen einen Mokka anbietet. Das Zimmer einer Sekretärin unterscheidet sich in Ungarn insofern von einem Espresso, als hier keine Musik geboten wird.

Gruppenmokka.
Dies ist die weitverbreitetste Form des Kaffeegenusses, und zwar dank der verfassungsgemäß garantierten Versammlungsfreiheit der Werktätigen. Jedes Arbeitskollektiv wählt sich seinen Verantwortlichen für Kaffeezubereitung, der aus der gemeinsamen Kaffeekasse die begehrten Bohnen kaufen geht und auch die heißersehnte schwarze Brühe kochen versteht. Mit dieser Funktion werden stets nur unbescholtene, im Kaffeekochen erfahrene Kollegen (oder Kolleginnen) betraut, nachdem man sie in offener oder geheimer Wahl (oder onisono) gewählt hat. Schließlich bliebe noch der Ilegale Mokka.

Denn was ein richtiger Ungar ist, der kann auch bei einer Auslandsreise nicht auf seinen gewohnten Trank verzichten, weil nämlich das, was ihm in der Fremde als Kaffe angeboten wird, alles andere sein mag, nur eben keine echt ungarische schwarze Brühe.

Also nehmen die ins Ausand reisenden Ungarn ihre kleine Reisekaffeemaschine mit. Wo der Gebrauch von elektrischen Kochmaschinen im Hotel verboten ist, brauen die Ungarn bei Nacht und hinter verschlossener Türen Mokka, und früh am Morgen beseitigen sie dann alle verdächtigen Spuren.

Vielleicht hätte ich das gar nicht erwähnen sollen, um die Hotelbesitzer unter unseren Lesern nicht hellhörig zu machen.
Ich kann sie da nur bitten: Meine Herren, üben sie Nachsicht! Der Mokka ist ein Ritualgetränk der Ungarn.



Sàndor Novobàczky

Weitere Ungarn-Glossen von Siegfried Brachfeld unter dem Titel: "Warum ist die Krone schief?" sind beim PESTER LLOYD-Verlag erhältlich.