Google Werbung

 

 

 

Die STASI nannte ihn "Betrüger" - eine deutsch, ungarische Geschichte
Aus der "DDR" über Ungarn in den Westen

Unser eBook mit unserer Gechichte

Zum Vergrößern bitte anklicken!
Foto: U. Klinkosch / www.uk-grafik.de

Hier zu kaufen =
https://www.epubli.de/shop/buch/33946#beschreibung

 

Eine deutsch-ungarische Geschichte - aus der "DDR" über Ungarn in den Westen

 

1979 in Budapest - der Kauf des Sterns [Auszug]

Ich pflegte, wie gesagt, einmal in der Woche das Wochenmagazin „Stern“, den Henri Nannen 1948 in Hannover im Sternverlag Henri Nannen zum Leben erweckt hatte, zu kaufen. Dazu machte ich nach Feierabend einen Abstecher vom Nachhauseweg von der Arbeitsstelle. Ich parkte wieder mal unter dem Brückenkopf der Elisabethbrücke und ging dann zu Fuß in das ca. 900 Meter entfernte 5-Sterne Luxushotel Duna-Intercontinental, das heute zur Kette der Marriott-Hotels zählt. Äußerlich war es ein nichtssagender Betonklotz.
Zur damaligen Zeit hatte Ungarn der Devisen wegen direkt an der Donau ein Prestigeobjekt aus dem Boden gestampft. Seine Lage zwischen dem Roosevelt tér im Norden und dem Vigadó tér im Süden galt als ein Zuckerstück im Paris des Ostens. Insbesondere bei einer Fahrt auf der Donau stach dieser moderne westliche Baustil ins Auge, weil er ein Kontrastprogramm zum Parlament darstellte.  Es war aber kein Vergleich zum Parlament [ungarisch: Országház), das nach dem Vorbild des Palace of Westminster erbaut wurde – nur eben größer. Das Parlament ist an innerer und äußerer Eleganz und architektonischer Schönheit kaum zu übertreffen. Es hatte eine große historische Bedeutung für das nationalistische Identitätsbewusstsein und den Stolz des ungarischen Volkes. Das neogotische Gebäude wurde im Jahre der Milleniumsfeier 1896 [Planer: Imre Steindle] erbaut. Im gleichen Jahre fuhr – wie schon erwähnt - Europas erste U-Bahn in Budapest. An den Außenfassaden wurden 88 Statuen der Ungarischen Landesfürsten platziert. Über den Fenstern baute man die Wappen berühmter ungarischer Familien ein. Zur Zeit des Baues war das Gebäude eines der größten der Welt und eben für Ungarn um einige Nummern zu groß. Es besitzt 10 Innenhöfe, 13 Personen- und Lastenaufzüge, 27 Eingänge, 29 Treppenhäuser und 691 Räume [darunter mehr als 200 Räume für offizielle Anlässe und Empfänge].

 

Der Leser sollte die ungarische Hauptstadt nicht besuchen, ohne eine Visite des Parlaments und der Burg eingeplant zu haben. Den Durchschnittsungarn suchte man im Duna-Intercontinental vergeblich. Die Preise waren opulent. Auch der des „Sterns“. Dieser Kauf wurde für mich zu einem fast feierlichen Ritual, auf das ich keinesfalls verzichten wollte.

Am 21. Sept. 1979 näherte ich mich der Rezeption des Hotels, das -  für Ausländer und Ungarn natürlich - auch reichhaltig westliche Presseerzeugnisse für seine Hotelgäste anbot. Auf dem Titelblatt des „Stern“ blitzte ein farbenfreudiges Foto: Ein Heißluftballon aus kunterbunt gemischten Streifen. Ich konnte mir dazu noch keinen Reim machen, kaufte die ersehnte Zeitschrift und verließ das Hotel erhobenen Hauptes, so als wäre das für „DDR“-Bürger die selbstverständlichste Selbstverständlichkeit der Welt.

Bereits auf dem Weg zum Parkplatz siegte meine Neugier und ich überflog den Text zum Titelbild. Es handelte sich um die Flucht zweier ostdeutscher Familien mit einem selbstgefertigten Heißluftallon. Im Auto angekommen, musste ich unbedingt weiterlesen. Am 16. September 1979 waren also die Familien Strelzyk und Wetzel mit Ihren Kindern in einem mit Propangas betriebenen Eigenbau-Ballon nachts um 1:10 Uhr in Oberlemnitz [Thüringen] gestartet, an Bad Lobenstein vorbeigeflogen und um 1:38 Uhr in Naila [Oberfranken] mit leeren Gastanks wieder gelandet.


Welcher unglaubliche Mut musste dazu gehören, in diesem von Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen umhüllten Lande in die Luft abzuheben? Acht mutigen Menschen war auf diese Weise die überaus gefährliche Flucht gelungen. Nicht nur gefährlich wegen des nicht überschaubaren Risikos in der Luft, sondern auch wegen der zu erwartenden langen Gefängnisstrafen und dem nicht ausbleibenden Entzug der Kinder, sollte der riskante Plan misslingen. Errechnete 2800 Kubikmeter Luft mussten mit etwa 850 Quadratmeter haltbarem Stoff umhüllt werden. Allein diese große Menge Stoff in ostdeutschen Geschäften aufzutreiben, ohne begründeten Verdacht zu erwecken, war m. E. ein langwieriger und riskanter Prozess. Egal, sie hatten es geschafft.


Meine Serotonin-Glückshormone gallopierten. Zwischen meinem Zentralnerven- und Herz-Kreislauf-System war der Teufel los. Ich konnte mich danach kaum an die Heimfahrt erinnern. Ich freute mich nicht nur für die Familien, sondern fast noch mehr darüber, wie die weltweite Veröffentlichung der Flucht auf die geriatriereifen Abnicker im Politbüro wirken müsse. Ich war richtig stolz auf diese beiden Familien. Sie hatten den Mut gezeigt, zu dem ich nicht fähig gewesen wäre. Wir mussten auf dem gleichen Weg zum Ziel den längeren Umweg nehmen. 

Als ich Rózsa begeistert das Magazin mit meinem Kurzkommentar auf den Tisch warf, hätten wir am liebsten einen Indianertanz aufgeführt. Ich sah die weltweit einsetzende Berichterstattung als meine Revanche für die Reiseverweigerung der sich „DDR“ nennenden Ostzonenregierung. Nichts tat den mitteldeutschen Funktionären mehr weh, als die weltweite Berichterstattung darüber, dass verzweifelte Menschen unter Einsatz ihres Lebens alles versuchen, diesen Unrechtsstaat zu verlassen. Ich war ganz sicher, wir schaffen das auch noch und hätte die Flüchtlingsfamilien symbolisch abknutschen können. 

 

 

Hier online als eBook zu erhalten =
https://www.epubli.de/shop/buch/33946#beschreibung