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Budapester Rundschau
Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky

Typischer ungarischer Wasserturm bei Keszthely

Typischer ungarischer Wasserturm bei Keszthely

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Foto: Eigen

 

Im Restaurant

 

Diese Überschrift hört sich nach einem Sprachführer oder gar einem Wegweiser für gute Manieren an.

Doch ist es nicht im entferntesten meine Absicht, jemandem eine Sprache oder richtiges Verhalten beizubringen, weil Sie verehrter Leser, es erstens nicht nötig haben und ich zweitens auch gar nicht dafür geeignet bin. Ich möchte einfach nur veranschaulichen, wie wir Ungarn uns im Restaurant benehmen, im Espresso, Café oder wo auch immer.


Wenn ein Ungar ein Restaurant betritt und am Eingang das Schild mit der Aufschrift "Garderobe" erblickt, hat er nichts Eiligeres zu tun, als den Mantel nicht abzulegen. Er läßt Garderobe und Garderobiere links liegen, begibt sich stolzen Schrittes ins Restaurant und wirft dort den Mantel lässig über die Stuhllehne. Die Garderobiere folgt ihm jedoch auf dem Fuße und will den Mantel an sich nehmen, doch da geht der Streit schon los:

"Ich gehe sowieso gleich wieder" oder "Lassen Sie den Mantel da, mich friert..."


Schließlich gibt der Gast doch nach, aber er misst die Mäntelbewahrerin mit einem so vernichtenden Blick, als hätte sie seine persönliche Freiheit beschnitten. Und das ganze Theater wegen ein, zwei Forint, werden Sie fragen? Aber nein, keineswegs, denn unser Freund gibt im Restaurant leichten Herzens fünfzigmal soviel aus! Es geht hier einfach darum, dass der Ungar so diktatorische Einrichtungen wie die Garderobe nicht erträgt.

 

Ein Ungar legt seinen Mantel dahin, wo er will. Himmeldonnerwetternochmal!

 

Doch kehren wir noch einmal zu jenem Augenblick zurück, wo unser Mann das Restaurant betreten hat und sich nach einem Platz umsieht. Nehmen wir an, es gibt zwar keinen freien Tisch, jedoch mehrere Tische mit vier bis sechs Plätzen, wo nur eine Person sitzt. Nun geht unser Mann aber keineswegs an einen dieser Tische und bittet darum, Platz nehmen zu dürfen, nein er macht auf der Stelle kehrt und verlässt das Lokal.

Denn es ist hierzulande nicht üblich, sich zu einem Fremden an den Tisch zu setzen, hier hat nämlich jeder so seine kleinen Geheimnisse. Nur der Himmel weiß, welche. Vielleicht wartet man auf eine Dame, mit der man ein intimes Gespräch führen will, oder vielleicht handelt es sich auch um Geschäfte, oder man will mit dem Tischnachbarn noch einmal das Fußballspiel vom Sonntag durchgehen, und das alle sind Dinge, die nur die zwei oder niemand anderen etwas angehen.

 

Der Tisch im Restaurant ist für den Ungarn eine Art Beichtstuhl. Fremde Ohren haben hier nichts zu suchen. Gelegentlich kommt es auch vor, dass wir irgendwo einkehren und auf den ersten Blick erkennen, dass beinahe alle Tische frei sind. Beim zweiten Blick entdeckt man dann leider die Täfelchen mit der Aufschrift "Reserviert". Der unkundige Ausländer läßt natürlich alle Hoffnung fahren und will es woanders versuchen.

Aber halt: Eile mit Weile!


"Reserviert" bedeutet nicht unbedingt, daß der Tisch tatsächlich auch bestellt ist, es heißt nämlich nichts weiter, als dass der Kellner das Schild auf den Tisch gestellt hat, mit anderen Worten: Reserviert für denjenigen, der es entsprechend honoriert,
wenn das Schildchen weggenommen wird.

 

Und zum Schluß noch eins:
Man darf sich nicht wundern, wenn manche Kellner sich taub stellen. Da kann man rufen, so oft und so laut man will, er reagiert einfach nicht. In einem solchen Fall wird es sich wohl nur darum handeln, daß unser Tisch nicht zu seinem Wirkungsbereich gehört. Was in der Weltpolitik nur ein frommer Wunsch ist - hier ist es eine sakrosankte Praxis, die da lautet: Misch dich niemals in die Angelegenheiten anderer! Hier heißt das soviel wie; Kümmere dich nicht um die Tische anderer!

 

Der Kellner am Nebentisch sieht durch einen hindurch, als wäre man aus Glas.

Sándor Novobáczky

 


Budapester Rundschau - Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky - Glossen zweier ungarischer Journalisten aus "Budapester Rundschau" seit 1971

 



www.pesterlloyd.net/Verlag/Bucher/bucher.html

Die Veröffentlichung der Auszüge erfolgt mir freundlicher Genehmigung des Pesterlloyd, Budapest.